Zum Thema Fortbildungen

Eröffnen wir einen Diskurs über die Atempädagogik des 21. Jhdts!

von Johanna Pachler

Warum um eine Fortbildung über Veening Arbeit und Psychotonik

In der großen Fülle sensitiver Leibarbeit, angesichts des breiten Angebots an Achtsamkeitsschulen und auf Grund umfangreicher neuer Erkenntnisse moderner Neurophysiologie und -psychologie sind wir als AtempädagogInnen des 21. Jhdt. gefordert, das uns Eigene, den Kern unseres spezifischen Beitrags zur Salutogenese neu zu überdenken und neu zu kommunizieren.

 

Um einen kreativen Diskurs in diese Richtung zu eröffnen, wollen wir uns die spezifischen Ansätze und ihrer Unterschiede der Atemschulen von Ilse Middendorf, Cornelius Veening und Volkmar Glaser noch einmal verdeutlichen. Mit der atempädagogischen Arbeit nach Middendorf und ihren SchülerInnen sind die allermeisten von uns vertraut. In zwei kommenden Fortbildungen wollen wir uns daher mir der Atemarbeit von Veening und Glaser (Psychotonik) auseinandersetzen und sie mit dem Middendorf-Ansatz in Verbindung setzen.

 

Im nachfolgenden Vergleich dieser drei Methoden stütze ich mich neben meinen eigenen Analysen vor allem auch auf die Einschätzung des deutschen Atempädagogen Markus Fußer.

 

 

Ilse Middendorf 

Ilse Middendorf orientierte sich an der Beobachtung, dass viele Menschen ihrer Zeit eine Körperkonstitution mitbrachten, die eine feste, eher überspannte Muskulatur aufweist und an „militärische“ Disziplin erinnert.

 

Diese Körperstruktur braucht anfänglich Muskeldehnung und „geduldiges Anwesend sein des Behandlers“ (M. Fußer) damit Empfindungsfähigkeit wachsen kann und die Atemräume erlebbar werden. Ilse Middendorf sprach zu allererst die Muskeln und deren Reflexe an. Sowohl im Übungssetting als auch in der Behandlungsarbeit von Ilse Middendorf gibt es eine große Zahl von Angeboten an aktiven und passiven Dehnungen, welche die Muskeln flexibler und durchlässiger werden lassen.

 

„Das Empfindungsbewusstsein wird zunächst durch die direkte Anwesenheit in den Leibwänden geschult, deren muskuläres Gewebe für die Atembewegung durchlässiger werden soll. Hierdurch entsteht Raum für die Atembewegung, wodurch die Ich-Kräfte Tonus trächtiger werden können. Das Erleben des jedem Menschen zukommenden Eigenrhythmus wird schließlich zu jener Erfüllung, durch welche die Person aus dem Gesetz der Serie ausbricht,“ (M. Fußer) und zum unverwechselbaren, unvergleichlichen Individuum wird.

 

Ilse Mitterndorf spricht dabei von dem Hervortreten der individuellen Atemgestalt. Diese Gestalt offenbart sich durch Raumbildung und Raumerfahrung, später durch Verdichtung und Substanzbildung aus den gewachsenen Ich-Kräften heraus und findet schließlich Ausdruck in der „Bewegung aus dem Atem“. Diese „Bewegung aus dem Atem“ bedeutet das Überschreiten einer Schwelle. Willentlich eingesetzte Bewegungen und von außen wirkende Behandlungsgriffe und ebenso willentliches, stimmliches Tönen erlauben schließlich einen Zugang und eine Initiation zu einem „inneren Atem“, der jenseits des Willens agiert und sich in der Bewegung aus dem Atem manifestiert. Dort wo „Bewegung aus dem Atem entsteht, kann aus der eigenen Ich-Identität ein fruchtbares „In der Welt sein“, ein Agieren nach Außen bei hohe Authentizität und einem beglückendem Erfüllt Sein gelingen.

 

„Indem nunmehr durch eine Bewegung von innen her der Atem gestalthaft werden kann, werden wir unabdingbar darauf gestoßen, wer wir sind. Zugleich wird der Kontakt zum anderen und das Bewusstsein um das Eigene und das Fremde aktiviert. Bewegt uns der Eigenrhythmus des Atems, bestimmt in Zukunft das Eindeutige und Direkte. Das Leben wird kostbar. Wir lernen dankbar und demütig dessen Unermesslichkeit entgegenzunehmen.“ (M. Fußer)

 

Jürg Roffler, ein Schüler von Middendorf, hat auf beeindruckende Weise die Bewegung aus dem Atem in einem Konzept des „skulptierenden Atemleibes“ weiterentwickelt. Einige von uns haben ihn und seine Arbeit bei der Fortbildung in Innsbruck 2018 kennen und schätzen gelernt. Wir planen eine weitere Fortbildung mit ihm 2020 oder 2021 in Wien.

 

 

Cornelius Veening

Die im Waldmatter Kreis gepflegte Veening-Methode kann mit ihren Übungs- und Behandlungsweisen, die vor allem – anders als bei Middendorf - den hoch Durchlässigen und überdurchschnittlich Empfindsamen gerecht werden.  Diese Menschen lassen sich leicht anregen, neigen aber auch dazu überachtsam zu sein und die empfangend-zulassende Hingabe zu verlieren. „In der ersten Behandlungsphase, nämlich der Atemmobilisierung, suchen die vornehmlich drückenden Hände ohne großes Verweilen immer wieder von neuem den Kontakt mit der Person des Liegenden. Die Hände wechseln rasch auf andere Leibgegenden und wandern weiter, nachdem sie die erste Antwort erhalten haben.

 

Die Gruppenarbeit findet vor allem im Sitzen, aber auch im Stehen statt. In der Veening-Arbeit werden zunächst vor allem die Sehnenorgane angesprochen, um eine spannungsausgleichende Anwesenheit innerhalb der Atemräume anzustreben, die weder bei der Behandlung noch beim „Atemsitzen“ in die verweilende Empfindung der Muskeln hineingehen soll. Bei empfindsam-durchlässigen Menschen besteht die Gefahr, dass deren direkte Bewusstseinsanwesenheit im muskulären Gewebe die Atembewegung festhält. Deshalb führt die „Veening-Meditation“ nicht direkt auf die Empfindsamkeit der Muskelorgane, sondern auf das Schwingungsintegral der Atembewegung innerhalb der Leibwände und zielt darüber hinaus auf das unwillkürliche Atemschwingen ab. Kommt die Atembewegung mit der zellulären Schwingung in Einklang, breitet sie sich unwillkürlich aus und entfaltet ihre subtile Kraft, indem sie in das muskuläre und organische Gewebe lösend eindringt.“ (vgl. M. Fußer)

 

Während also Middendorf auf das Substanzhafte hinwirkt bzw. es zu entwickeln beabsichtigt (was Zeit braucht), begreift sich Cornelius Veening als jemand, der direkt auf die Substanzqualität des Unwillkürlichen zuzugreifen versucht. 

 

„Veening ging es wie C.G. Jung vor allem um die Wahrnehmung der im menschlichen Unbewussten verborgenen zukunftweisenden Aspekte, um ihre schöpferischen Potenziale. Für ihn ist die Atemenergie unterhalb des bewussten Wissens mit seiner selbst heilenden Intelligenz die eigentliche kreative Wirkkraft im therapeutischen Prozess. So gesehen lässt sich Veening’sche Atemarbeit auch als eine Form psychischer Gestaltungsprozesse im Jung’schen Sinne verstehen“. (M. Lohmann)

 

„Das Ziel ist der Mensch selber, die Entfaltung seiner Möglichkeiten und die Bekanntschaft mit seinen Kräften. Gemeint ist sowohl bei kranken als auch bei gesunden Menschen die Arbeit an ihrer inneren Entwicklung.“ (C. Veening) Atemarbeit ist für Veening „eine Reise durch die körperliche Landschaft“ mit dem Ziel „bekannt zu werden mit dem unbekannten Wesen Mensch, das er selber ist.“ (C. Veening)

 

Mehr als Ilse Middendorf bleibt Cornelius Veening also bei der Innenwahrnehmung des Menschen.

 

 

Volkmar Glaser –  Psychotonik

Glaser hingegen stellt sich von Anfang an dem Thema Außenraum. Sein Ausgangspunkt ist der Mensch, der sich (weil krank oder überempfindlich) aus dem Außenraum zurückzieht. Glasers Atemmassage, sein Kommunikatives Bewegen und der Eutonie Aufbau zielen darauf hin, die leibliche Grenze im sensorischen Empfinden und Verhalten über die Körperkontur weiter nach außen zu verschieben.

 

„Dieses direkte Hinauslangen ist weit mehr als Kontaktaufnahme, in der sich Grenzen gegenseitig berühren und das Bewusstsein aufgrund des Bewegens und Verhaltens im vital-sensorischen Raum abwägt. Die Verbindung zwischen den Menschen soll zu ihrem kommunikativen Recht kommen. Der Atemlehrer muss es verstehen, den anderen zur transsensischen Ausdehnung in den Raum zu locken, damit dieser die Sphäre mitfüllen und mitstimmen kann. Dieses sensorische Bezogensein auf den anderen zerbricht leicht beim Überempfindlichen, der zum seelischen Rückzug neigt, wenn er seine Muskulatur selbst zu spüren beginnt, weil er dann, ohne dass diese mit bewusst gewordener Atemkraft gefüllt ist, in die leibliche Bedingtheit seiner Ichschwäche zurückzieht.“ (M. Fußer)

 

Glaser wollte keine spezielle Atemmethode lehren, sondern Hilfen anbieten, die den Menschen in Kontakt mit anderen bringen. Die Psychotonik ist jedoch atembewegt. Das Kommunikative Bewegen ist ebenso als Partnerarbeit angelegt wie die Atemmassage und der Eutonie Aufbau. Bei Glaser muss mindestens zu zweit geübt werden, weil die atembewegten Psychotonik immer ein sensorisches Aufeinander-Beziehen ist.

 

“Transsensus” als sensorisches Über-sich-hinaus-sein ist das entscheidende Stichwort der glaserschen Atemarbeit. Mit seinen Sinnen über sich hinaus zu leben, legt den Grund dafür, mit seinem Organismus gut in der Welt gespannt zu sein, um sich optimal verhalten und gelungen handeln zu können.“ (M. Fußer)

 

Für 2020 oder 2021 Planen wir eine Fortbildung zu Glasers Psychotonik.

 

 

Quellen

Markus Fußer, www.atemraum.de

Mechthild Lohmann, Veening®-Lehrwerkstatt Köln Anne Müller-Pleuss, Tiefenpsychologische Atemarbeit, Aachen, August 2009

Cornelius Veening, Das Bewirkende, in: Texte zur Erinnerung, 1995