Die Stimme als Klanginstrument

von Sängerin und Atempädagogin Charlotte Weiss

Ihre Stimme und Ihr Klang ist einzigartig. Singen ist nicht nur klingendes Ausatmen, es ist viel mehr als das! In den Gesang können wir Wort, Gefühl und Beseeltheit hineinlegen. Wenn wir gemeinsam singen, sprechen wir alle dieselbe Sprache, Singen hat etwas Verbindendes. Es bringt Vitalität, Freude und Einklang mit anderen. Singen regt Atmung, Stoffwechsel und Durchblutung an. Mit Gesang können wir berühren, unterhalten, nachdenklich, verträumt, fröhlich, wütend oder traurig stimmen.

Wenn wir singen, leben wir im Moment, im Jetzt. Unsere Stimme widerspiegelt unser Sein, unser Wesen, unsere Lebensgeschichten.


Der Unterschied zwischen normalem Ausatem und Singen

Bei normaler tonloser Ausatmung federn Zwerchfell und Eingeweide nach der dreidimensionalen Expansion beim Einatmen wieder in ihre Ausgangslage zurück. Die eingeatmete Luft in den Lungen wird wieder durch den Kehlkopf in offener Stimmlippenstellung durch den Mundraum entlassen.

Beim Gesang wird nun dieser Vorgang der Aufwärtsbewegung und Entspannung wie in einer Art „Zeitlupe“ verlangsamt. Das heißt, ich versuche möglichst langsam die Einatemspannung zu lösen.

Ein/e professionelle/r Sänger/In muss dies beherrschen, da er/sie lange Phrasen singt. Längere Phrasen kann er/sie problemlos tönen und dabei eine Tonspannung erzeugen. In ihm/ihr entsteht so etwas wie eine Luftsäule, vergleichbar mit einem Luft-Springbrunnen, der im Beckenboden entspringt und durch meinen Kopf hindurch „hinausklingt“.

Die Halbschluss-Stellung unserer Stimmlippen bildet einen gewissen Widerstand, durch den die nach oben fließende Ausatemluft durch muss. Diese Atemluft versetzt die Stimmlippen in Schwingung, so entsteht ein Ton. Die Tonhöhe ist von der Länge der Stimmlippen und der Stimmlippen-Distanz zueinander abhängig. Je höher der Ton ist, desto kleiner ist die Stimmritze.

Ich würde es vom Gefühl her eher umgekehrt sagen: je kleiner die Stimmritze, desto höher der Ton.


Der entscheidende Moment des Tonansatzes

Ähnlich dem Umkehrpunkt einer Schaukel auf ihrem höchsten Schwingungspunkt ist auch der Tongebungs-Moment entscheidend für die bevorstehende Phrase. Drücke ich mit Muskelkraft im Hals nach, kann mein Ton von Anfang nicht frei schwingen und bekommt ein forciertes Tremolo (zu schnelle Schwingungsamplituden) aufgrund des zu hoch dosierten Drucks.

Stellen Sie sich eine schwingende Schaukel vor: eine Schaukel beginnt ebenfalls zu haken und zu wackeln, wenn man sie in ihrem natürlichen Schwung stört.

Die Abstimmung von Muskel-Lösung und Tongebung ist eine Frage des Timings und der Dosierung von Anspannung und Entspannung.

Erst wenn die Luft gleichmäßig fließt und Ihre Kopf-Resonanzräume passiert hat, wird der Ton wie auf einen fließenden Fluss auf den Atem gelegt, wie ein kleines Papierschiffchen. So wird der Stimmansatz sanft, ja sogar als angenehm für Kehlkopf und Stimmlippen empfunden und gehört.


Der Klang

Jeder Mensch hat seinen ihm eigenen Stimmklang. Ob wir eine helle oder dunkle, eine weiche oder schrille Stimme haben, ob sie frei schwingen kann oder gedrückt und eingesperrt klingt, hängt von vielen Faktoren ab. Neben der Körperhaltung, muskulären Spannungsverhältnissen, Stimmgewohnheiten, Atemführung und Resonanzdurchlässigkeit hängt der Klang auch vom sg. „Ansatzrohr“ ab. Das ist die Strecke von den Stimmlippen bis zum Mund. Es kommt also auch darauf an, wie wir „gebaut“ sind.

Der Klang entsteht durch das Singen auf einem Vokal (Selbstklinger), der Rhythmus wird durch die Konsonanten, die Mitklinger, erzeugt. Je mehr ich meinen ganzen Körper als „Ton-Unterstützer“ einsetze, desto mehr Klangvolumen und vollen Klang wird der Ton erhalten.

Der/die klassische SängerIn weitet zur Klangvergrößerung seine/ihre Mundhöhle, indem er/sie den hinteren weichen Gaumen etwas hebt (ähnlich einem Gähngefühl), gleichzeitig senkt sich der Kehlkopf, so entsteht der typische Opernklang. Zudem werden Brust- und Kopfstimme je nach Stimmlage eingesetzt und gemischt.

Bei Gesangsstilen wie Jazz, Pop oder Chanson ist das Klangideal näher an der Sprechstimme und Sprache und kann sehr individuell gestaltet werden. Die rhythmische Komponente der Sprache kommt in den Vordergrund. Es kommt zum vermehrten Einsatz der unteren Bruststimme und der Mischstimme. Es werden auch Stimmfarben wie „hauchig“,  oder „rau“ eingesetzt, um emotional noch mehr Ausdrucksmöglichkeiten zu haben. 


Rhythmus und reflektorischer Einatem

Der Rhythmus kommt durch das Artikulieren der Silben zustande. Eine deutliche Artikulation und den Vokal-Klangraum unter einen Hut zu bringen stellt oft eine größere Herausforderung dar.

Singe ich eine Melodie mit vielen Noten und lebendiger Melodiebewegung, so habe ich oft nur ganz kurze Pausen zum Luftholen, hier ist der reflektorische Einatem von großer Bedeutung. Das schnelle Entspannen der kontrahierten Muskulatur saugt die Luft in die Lungen, ohne dass ich extra Luft holen muss. Daher sollte die Zwerchfell- und Bauchmuskulatur immer elastisch sein. Bei Arien in langsamem Tempo geben die Pausen genügend Zeit für einen ruhigen Einatem, hier kommt der reflektorische Einatem nicht zur Anwendung.


Fehlbelastung der Stimme

Singe oder spreche ich konsequent mit zu viel Muskelkraft, ohne dabei reflektorisch zu atmen, geht das auf die Kosten der Schwingfähigkeit der Stimmlippen. Sie schwingen langsamer an und brauchen für die Tonproduktion immer mehr Druck. Ein Teufelskreis beginnt. Dadurch kann es zu Heiserkeit, einer Stimmbandschwellung oder Knötchen kommen. Die Stimme wird instabil und anfälliger für Krankheiten.


Eine Übung für den reflektorischen Einatem

Setzen Sie sich mit aufrechter Haltung auf einen Sessel und legen Sie Ihre Hände auf Ihren Bauch. Sammeln Sie sich einen Moment zu diesem Bereich und spüren Sie bewusst den Kontakt Ihrer Hände mit Ihrem Bauch. Wenn Sie in eine achtsame ruhige Stimmung gefunden haben, können Sie nun mit der Übung beginnen.


Atmen Sie auf einem gut artikulierten -sch aus, bis alle Luft ausgeatmet ist - die ganze Bauchmuskulatur ist nun am Ende des Ausatems kontrahiert; lösen Sie jetzt die Kontraktion der Bauchmuskeln bewusst und rasch, so wird der reflektorische Einatem kommen, vergleichbar mit dem Saugreflex einer Pumpe. Lassen Sie dabei Ihren Bauch richtiggehend in Ihre Hände  „zurückplumpsen“. Machen Sie diese Übung anfangs nicht zu oft hintereinander, sie ist kreislaufanregend und könnte Sie auch schwindelig machen. Hören Sie auf Ihren Körper, was ihm gut tut.

Spüren Sie nun nach:

Wie ging es Ihnen mit dem raschen Lösen der Bauchmuskulatur? Konnte die Luft reflexartig durch die Muskelentspannung wieder eingesaugt werden, ohne dass Sie die Luft willentlich holen mussten? Wenn Ihnen diese Übung noch nicht gelungen ist, haben Sie Geduld und forcieren Sie nicht zu viel. Bei Fragen können Sie sich auch an einen / eine AtempädagogIn wenden


Mein Erfahrungsbericht

In meiner Ausbildung zur klassischen Sängerin an der Wiener Musikuniversität wurde ich gelehrt, vor einer Gesangsphrase bewusst einzuatmen und mir je nach Phrasenlänge und Charakter der Arie oder des Liedes das Luftvolumen gut einzuteilen. Das primäre Lernziel war es, die eingeatmete Luft möglichst zu 100% in Klang mit guter Stütze umzuwandeln. Im Vordergrund der Ausbildung standen Gesangstechnik, Interpretation und Ausdruck. Der Wahrnehmung der Empfindungen während des Singens und dem anschließenden Verbalisieren wurde eher wenig Raum gegeben. Doch im Unterbewusstsein fühlte ich, dass etwas fehlte - meine Stimme war unfrei und ich sehnte mich nach einem freiem mühelosem Singen, das Spaß macht. Mit Singen verband ich Leistung und Angst statt Genuss und Freude.


Durch die Entdeckung von Ilse Middendorfs Atemlehre fand ich endlich die fehlenden Mosaiksteine zu jenem Bild, das mir vorschwebte, Vieles wurde mir bewusst und öffnete mir die Augen:

Ich nahm mir zum ersten Mal die Zeit und Ruhe, mehr Bewusstheit zu schaffen und eine Klarheit über meine körperlichen Empfindungen zu finden und diese auszudrücken und zu verbalisieren. So musste ich zuerst einmal lernen, das jahrelange Training vom bewussten Einatmen vor dem Singen zu vergessen und mich in die Welt des erfahrbaren Atems hineinzudenken. Allmählich fand ich Freude am Singen, ich ließ zu, Stimme mit Körper, Geist und Seele als Ganzes wirken zu lassen. Den Atem kommen und gehen zu lassen in Verbindung mit Bewegungen, veränderte meinen ganzen Zugang zum alltäglichen Leben und schlussendlich auch zu meiner Wahrnehmung meines Körpers als „Klangkörper“. Ich bemerkte, wie etwas in mir zu heilen begann. Beim Singen vor Publikum hatte ich den Eindruck, „es singt“ und nicht „ich singe“, was mich unglaublich entlastete.

Im Zuge der Ausbildung zur Atempädagogin eröffnete sich mir ein weites Themen-Spektrum mit unterschiedlichsten Übungen, auf die ich bis heute zurückgreife. Das Fördern des fließenden Atemflusses,  Bodenhaftung, eine mühelose aufrechte Haltung, durchlässige Gelenke, eine elastische Atemmuskulatur und Vokalraumarbeit. In den gerade vergangenen Corona-Monaten, wo die helle lichte Tageszeit nur ein paar Stunden anhielt, stärkte und erhellte mich das Singen innerlich. Gerade da wurde mir bewusst, welches Geschenk ich stets mit mir tragen darf.


TIPPS und Übungen für Ihre Stimm-Gesundheit

Durch einfache Übungen können Sie Ihre Stimme aufwärmen:

  • Summen Sie in der Früh bevor sie sprechen. Die Stimme muss aufgewärmt werden wie andere Muskeln auch
  • Seien Sie spielerisch mit Ihrer Stimme, probieren Sie Sachen aus, befreien Sie Ihre Stimme! Machen Sie Geräusche, singen Sie hoch und tief, Tönen Sie frei oder singen Sie bei einer Melodie im Radio mit. Das geht am Anfang leichter, wenn man für sich allein ist!
  • Lippenflattern: lassen Sie Luft durch lockere Lippen flattern, dazu können Sie auch Töne produzieren
  • Vermeiden Sie häufiges Räuspern – Summen Sie stattdessen

Vor einem Auftritt:

  • Vermeiden Sie verschleimende Lebensmittel  wie z.B. Nüsse, Käse, Joghurt
  • Trinken Sie ausreichend
  • Tragen Sie beim Auftritt keine Kleidung, die Ihnen den Bauch hinein- oder nach oben drückt
  • Schonen Sie am Tag des Auftritts Ihre Stimme
  • Atmen Sie bei Kälte möglichst durch die Nase
  • Bei Lampenfieber: Atmen Sie in den Unterbauch, Stellen Sie sich die Füße als Baumwurzeln vor, Stehen Sie bewusst mit gutem Bodenkontakt auf beiden Beinen
  • Schlafen Sie genügend
  • Essen Sie nicht unmittelbar vorher, ein voller Magen drückt nach oben und das Zwerchfell kann sich nicht genug ausdehnen
  • Trinken Sie genug (aber bitte auch nicht zu viel!)

Tipp: Online-Workshop „Feel your voice!“ mit Charlotte Weiss
am Freitag, den 12. März 2021, 18:00 bis 20:00 Uhr

Anmeldung bis 3. März 2021: https://www.atemschwingung.com/erreichbarkeit/  od.+43676/74 616 98

Literaturhinweise:

Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen (1928): Atmung und Stimme. Möseler Verlag, Wolfenbüttel 1996

Maria Höller-Zangenfeind: Stimme von Kopf bis Fuß. Studien Verlag, Innsbruck, 2004

Romeo Alavi Kia: Stimme, Spiegel meines Selbst, ein Übungsbuch, Aurum Verlag (1992 2.Auflage)

Emil Fischer: Handbuch der Stimmbildung, verlegt bei Hans Schneider, Tutzing 1969

SAVE THE DATES

„Atmen im Park“

16.April 2021 17:00 bis 19:00 Uhr
28.5.2021 17:00 bis 19:00 Uhr
18.6.2021 17:00 bis 19:00 Uhr

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