Die Geschichte der Atempädagogik

 

„Mehr als 2000 Jahre reicht nun das Wissen über die Möglichkeiten des Atems bei der Gesundheitspflege sowie Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung zurück. Schon im Altertum wurden bei den Ägyptern, den Griechen und den östlichen Kulturvölkern Atem- und Bewegungslehren entwickelt. In der östlichen Welt waren sie vielfach mit Meditationspraktiken verbunden wie z. B. die Zen-Meditation in Japan, das Tai Chi und Qi Gong in China. Im Osten wie im Westen stand die ganzheitliche Bedeutung des Atems im Zentrum. Alle wussten, dass sowohl die körperlichen als auch seelischen und geistigen Kräfte des Menschen untrennbar mit dem Atem verbunden sind.

 

In der westlichen Welt geriet dies für einige Zeit in Vergessenheit. Eine mehr naturwissenschaftliche Sichtweise mit einem funktionell-mechanischen Umgang mit dem Atem und der Bewegung dominierte. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit des Aufbruchs in Wissenschaft und Kunst, wurde in der westlichen Welt das ganzheitliche Wissen wieder entdeckt. Es war eine Zeit, in der dem Körper oder dem „beseelten Leib“, wie er damals auch bezeichnet wurde, erneut mehr Beachtung geschenkt wurde.

 

Begonnen hat diese neue Epoche mit dem deutschen Turnvater Jahn, bei dem noch weitgehend das mechanische Üben mit Bewegung im Vordergrund stand. Bald darauf begründeten Frauen wie Kallmeyer, Mensendieck, Medau, Hengstenberg, Ehrenfried, Gindler die Gymnastik. Sie ersetzten den Drill in der Bewegungsschulung durch die Arbeit an der natürlichen Bewegung und an freien Bewegungsimpulsen. Parallel dazu entstand der moderne Tanz oder Ausdruckstanz, wie er damals genannt wurde.

 

Schlaffhorst und Andersen entwickelten eine Atem- und Stimmtherapie und ihr Schüler Cornelis Veening später seinen atempsychologischen Weg. Wilhelm Reich begann den Körper in die Psychoanalyse zu integrieren und entdeckte dabei die besondere Bedeutung des Atems. Seine Erkenntnisse wurden zur Grundlage für viele Körper(psycho)therapien wie z. B. für die Bioenergetik Alexander Lowens. Zu dieser Zeit entwickelten sich viele Methoden aus einem lebhaften Austausch und persönlichen Beziehungen der Forschenden untereinander (Middendorf 1987).

 

Ilse Middendorf, selbst von der Gymnastik kommend, lernte sehr viel von Veening. In den 40er Jahren begründete sie ihre eigene Atemlehre „Der Erfahrbare Atem“. Der als „Atem-Schmitt“ bekannte Münchner Arzt Ludwig Schmitt brachte mehr die ärztliche Sichtweise in die Arbeit mit Atem hinein. Weitere Ärzte wie Volkmar Glaser und Udo Derbolowski haben eigene Ansätze mit dem Atem zu arbeiten entwickelt und wesentliche Schriften verfasst. Sie begründeten gemeinsam 1958 die Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempflege (AFA® e.V.). In ihr sind auch heute noch die Atemlehren nach Schlaffhorst-Andersen, Veening, Middendorf, Schmitt und Glaser vertreten. Seither gibt es ständig eine lebendige Weiterentwicklung der unterschiedlichen Methoden, basierend auf dem ganzheitlichen Verständnis von Atem“ (Faller N., 2009, Atem und Bewegung Springer-Verlag Wien, New York).

 

Atempädagogik in Österreich

Seit ca. 1990 wird auch in Österreich die Atempädagogik (vor allem die Middendorf-Methode) angeboten. Zuerst kamen deutsche AtempädagogInnen mit Workshops nach Österreich, bis die ersten ÖsterreicherInnen nach Deutschland gingen und dort ihre Ausbildung absolvierten und dann die Atempädagogik selbst anboten.

 

Seit 1999 gibt es auch in Österreich eine Ausbildung auf Grundlage der Middendorf-Methode. Sie wird von Norbert Faller geleitet, der sich zur zweiten Generation der Middendorf-Methode zählt. Seine Art, die Atempädagogik weiterzugeben, ist durch seine zusätzlichen Ausbildungen in den Bereichen Bewegung, Tanz, Körperpsychotherapie und Traumatherapie beeinflusst und damit eng mit dem historischen Hintergrund verbunden. Zugleich integriert er neueste Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, Neurophysiologie, Psychophysiologie sowie Stress- und Traumaforschung.

 

Derzeit (Stand August 2013) gibt es in Österreich ca. 115 ausgebildete AtempädagogInnen, von denen 73 den Abschluss akad. AtempädagogIn besitzen. 55 AtempädagogInnen sind im Berufsverband atem austria organisiert.