Erfahrungsbericht – Atemraum (NL 1-2019)

von Gesangs- und Atempädagogin Charlotte Weiss

 

„Ich verdanke den atempädagogischen Übungen des unteren Atemraums, die ich im Zuge der Ausbildung zur Atempädagogin erlernte, dass ich heute mit guter Verwurzelung und mit Freude und Selbstbewusstsein vor Publikum auftrete, ich habe gelernt, im Moment anzukommen und meine Lebendigkeit dabei zu spüren und diese in meine Stimme zu übertragen. 

 

„Sich vom Boden tragen lassen“ ist leicht gesagt, aber dies im Alltag umzusetzen war für mich eine große Herausforderung und ein langer Weg. 

Als Gesangsstudentin sang ich anfangs hauptsächlich im Brustraum, ohne Verbindung nach unten – deshalb fiel mir auch das Fließen Lassen des Atems schwer, ich atmete zu viel ein und war bemüht, alles richtig und gut zu machen. Ich war wie abgeschnitten vom restlichen Körper, fühlte mich manchmal wie ein Baum ohne Wurzeln. Diese Fundamentlosigkeit manifestierte sich auch in meinem Stimmklang. Das machte mir ziemlich zu schaffen, denn ich spürte, dass etwas fehlte und ich aus meinem Stimmklang nicht alles herausgeholt habe. 

 

Nach längerem Üben im Sinne der Middendorf’schen Atemlehre lernte ich mich allmählich von einer neuen Seite kennen, ich spürte so etwas wie eine Ur-Kraft in mir, die von unten kam, ich begann, das Singen zu genießen, mich in die Musik einzulassen, sich ihr mit einer gesunden Mischung aus Präsenz und Spontaneität hinzugeben, ohne den Boden dabei zu verlieren.

Durch die Übungen im unteren Atemraum ging mir ein Licht auf und mir wurde klar, was Bodenverbundenheit und bewusstes Zulassen des Atemflusses und des eigenen Atemrhythmus wirklich bedeuten. 

Das „ganzheitliche Singen“, also Singen mit der Einheit Körper-Seele-Geist, von Scheitel bis Sohle, lernte ich erst im Zuge der Ausbildung zur Atempädagogin. Mit einem guten Fundament, das nicht mit einer unverrückbaren Podest-Starrheit zu verwechseln ist, entdecke ich heute eine Vielfalt von Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten, meine Stimme wird von der vom unteren Atembewegungsraum aufsteigenden tragenden Kraft gespeist. 

Singen zu können und zu dürfen bedeutet heute für mich Glück und eine große Ressource, auf die ich stets zurückgreifen kann.“